Montagmorgen Ortstermin beim Jobcenter in Böblingen. Zusammen mit meinem Kollegen Klaus Dürr treffe ich die Leitung der Dienststelle. Was früher weitläufig unter dem Begriff „Arbeitsamt“ bekannt war, ist zahlreiche Reformen später eine recht heterogene Landschaft aus verschiedenen Strukturen und Organisationsformen. Das Jobcenter in Böblingen ist eine sogenannte „GE“ – gemeinsame Einrichtung. Das bedeutet, dass die Agentur für Arbeit, die jeweilige Kommune, hier die Stadt Böblingen, und z.T. auch der Kreis als gemeinsamer Träger der Einrichtung fungieren. Das hat natürlich den Vorteil, dass alle beteiligten staatlichen Stellen gemeinsam unter einem Dach vertreten sind. Doch das ist nicht überall der Fall, und so hat diese bundesweit uneinheitliche Organisationsform auch ihre Schattenseiten, etwa wenn die verschiedenen Stellen jeweils unterschiedliche und nicht kompatible IT Systeme benutzen.

Das Jobcenter in Böblingen ist in einer vergleichsweise komfortablen Lage: Im bundesweit wirtschaftsstärksten Kreis gibt es eine ganze Reihe starker und wettbewerbsfähiger Unternehmen. Dementsprechend hoch ist die Nachfrage nach Arbeitskraft. Ebenso führt die wirtschaftliche Potenz zu einem hohen Steueraufkommen, sodass genügen finanzielle Mittel für Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen bereitstehen. Entsprechende Programme der Förderung von Qualifizierung sind definiert und stehen zur Verfügung. Zudem lief die Konjunktur seit 2005 außergewöhnlich gut. Und so konnte man uns sehr erfreuliche Zahlen vermelden: Im Kreis Böblingen liegt die Arbeitslosenquote bei gerade einmal 2,8%. Selbst wenn man die statistischen „Tricksereien“ der letzten Reformen miteinbezieht, nach denen etwa Kranke, Aufstocker oder Leute in Qualifizierungsmaßnahmen, wie es in Behördendeutsch so schön heißt, nicht mitgezählt werden, kann man hier faktisch von Vollbeschäftigung sprechen.

Interessanterweise wollte das Jobcenter bei unserem Treffen nicht von einem generellen Fachkräftemangel sprechen. Die Frage der Nachwuchsgewinnung sei von Branche zu Branche recht unterschiedlich, und für die Zukunft würde die demografische Entwicklung eher zu einem sinkenden Fachkräftebedarf führen, teilte man uns mit. Die Auswirkungen der Digitalisierung hingegen werden wohl unweigerlich auch massive Veränderungen in bis zu 50% oder mehr der heutigen Berufsfelder und damit auch Arbeitsplatzverluste mit sich bringen. Dem gegenüber werden aber auch neue Beschäftigungsgelegenheiten und neue Arbeitsplätze entstehen. Was überwiegen wird, steht bisher in den Sternen und diejenigen, die ihren Arbeitsplatz verlieren werden, dürften auch nicht immer automatisch für die neu entstehenden Arbeitsplätze qualifiziert sein. Die Digitalisierung wird insbesondere Regionen mit starker industrieller Fertigung, wie Böblingen, sehr hart treffen. Um mit diesen Folgen bestmöglich umgehen zu können, wird ein Netzwerk an Akteuren benötigt. Die Kommunen müssen mit ins Boot, die Verbände und Institutionen wie IHK und Handwerkskammern sind hier gefordert, die Jobcenter können diese Mammutaufgabe nicht alleine bewältigen. Diese Forderung wurde sehr deutlich an uns herangetragen, und ich teile sie genau wie mein Kollege Klaus Dürr.

Erfreulich war für uns noch zu vernehmen, dass in einer Zeit von zunehmender Verrohung und Übergriffen auf Beamte, dass sich das Aggressionslevel gegenüber den Mitarbeitern des Jobcenters Böblingen die letzten 15 Jahre lang auf einem konstant niedrigen Niveau bewegt hat. Vermutlich liegt das aber auch an der Nachbarschaft: Die Polizei residiert direkt nebenan. Wir hoffen sehr, dass sich das auch in den nächsten 15 Jahren nicht ändert. Vielen Dank für einen sehr freundlichen Empfang, sowie einen sehr interessanten und informativen Austausch.

Herzlichst

Klaus Dürr & Harald Pfeiffer