Stuttgart, den 26.11.2020

Wie schon im Frühjahr, so werden nun auch im Herbst die Corona-Maßnahmen vor allem damit begründet, dass ohne solche Maßnahmen eine Situation drohe, bei der die Kapazitäten der Intensivstationen nicht mehr ausreichen könnten.[1] Zum Beweis dafür, dass diese Sorge mehr als berechtigt sei, wurde im Oktober immer wieder auf die sinkende Zahl freier Intensivbetten verwiesen.

Dass diese Beweisführung ein „G’schmäckle“ hat, wie wir Schwaben sagen würden, zeigt ein Blick auf die Gesamtzahl der Intensivbetten an deutschen Krankenhäusern. Denn diese verringert sich seit dem Sommer kontinuierlich. Während Ende Juli noch mehr als 33.000 Betten auf Intensivstationen gemeldet wurden, werden jetzt im November weniger als 29.000 gelistet. Damit ist die sinkende Zahl freier Intensivbetten also zumindest bis Oktober keinesfalls einer steigenden Zahl schwerer Covid-19-Erkrankungen geschuldet, sondern dem schrumpfenden Gesamtkontingent an Intensivbetten. 

Wie aber kann es sein, dass auf der einen Seite Betten auf Intensivstationen abgebaut werden  –  auf der anderen Seite aber neue Corona-Maßnahmen damit begründet werden, dass die Zahl freier Intensivbetten sinkt? Diese Frage stellten sich viele Bürger zurecht. Manche mutmaßten gar, dass die Politik die Zahl der Intensivbetten absichtlich verringere, um so selbst den Grund für einen erneuten Lockdown herbeizuführen.

Dass dem nicht so ist, darüber klärt das Ärzteblatt auf.[2] Das eigentliche Problem ist demnach das fehlende Fachpersonal, ohne das Intensivbetten freilich nicht genutzt werden können. In der Statistik werden korrekter Weise nur solche Intensivbetten aufgeführt, für deren Betrieb auch ausreichend Fachpersonal zur Verfügung steht. Verringert sich das Fachpersonal, verringert sich zwangsläufig auch die Zahl der Intensivbetten.

Die Gründe für die schwindenden Personalkapazitäten sind vielfältig. „Viele Intensivpflegekräfte werden in der kalten Jahreszeit nicht zur Arbeit kommen können: entweder weil sie sich mit SARS-CoV-2 infiziert haben, weil sie als Verdachtsfall in Quarantäne bleiben müssen oder wegen einer anderen Erkrankung“, wird Prof. Dr. med. Christian Karagiannidis von der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin vom Deutschen Ärzteblatt zitiert.

Trifft die Regierungen in Bund und Länder also keine Schuld? Doch!

Denn: dass die Personalkapazitäten auf Intensivstationen jahreszeitbedingt schwinden, konnte man bereits im Frühjahr wissen. Und wer davon ausging, dass uns im Herbst eine zweite schwere Infektionswelle trifft, der musste aus oben genannten Gründen auch davon ausgehen, dass sich dadurch die Personalkapazitäten auf den Intensivstationen zusätzlich verringern.

Politiker, die ab im Frühsommer ständig vor einer zweiten Welle warnten, hätten folglich alles daran setzen müssen, um durch Schulungsmaßnahmen des Pflegepersonals während der Sommermonate personelle Notfallreserven für die Intensivstationen zu schaffen.

Gerade für Politiker in Regierungsverantwortung ist es schlicht unentschuldbar, wenn sie zwar unentwegt warnen, aber aus ihren eigenen Warnungen nicht die notwendigen praktischen Konsequenzen ableiten.

Nicht ohne Grund wies der Freiburger Medizinstatistiker Gerd Antes bereits vor Wochen darauf hin, dass während der Sommermonate alles versäumt worden sei, was irgendwie versäumt werden kann.  „Nicht vorsätzlich und bösartig, sondern aus einer Mischung aus Inkompetenz, Ignoranz und Arroganz.“[3]

An der schwindenden Zahl freier Intensivbetten – aber nicht nur dort! – offenbaren sich nun die desaströsen Folgen dieses politischen Versagens.


[1]Siehe beispielsweise hier: https://www.nordkurier.de/aus-aller-welt/werden-die-intensivbetten-in-deutschland-wirklich-knapp-1141349311.html

[2] Intensivbetten: Die Kapazitäten schwinden. https://www.aerzteblatt.de/archiv/216577/Intensivbetten-Die-Kapazitaeten-schwinden

[3]https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/corona-interview-gerd-antes-100.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE